Gewinne eines von drei Exemplaren von "Smart bis zum Grab"

Interview

gehirngesund.at
„Smart bis zum Sarg": Autorin Dr. Barbara Plagg im Interview mit gehirngesund.

Als Wissenschaftlerin und Autorin lehrt Barbara Plagg Prävention und Gesundheitsförderung an der Freien Universität Bozen. Ihr kürzlich erschienenes Buch „Smart bis zum Sarg" behandelt beeinflussbare Lebensfaktoren, um Demenz zu verhindern oder hinauszuzögern.

Liebe Frau Dr. Plagg, Sie haben ein unterhaltsames Buch zu einem eher schwermütigen Thema geschrieben. Mit „Smart bis zum Sarg“ möchten Sie Menschen zeigen, wie sie ihr Gehirn fit halten. Im Grunde genommen geht es hier in erster Linie darum, einen Weg aufzuzeigen, um Demenz zu vermeiden oder zumindest hinauszuzögern, nicht wahr?

Genau, darum geht’s. Es gibt zwar keine Garantie, dass wir immer gesund bleiben – aber wir wissen heute aus großen Langzeitstudien, wie wir unser Risiko senken und den Ausbruch verzögern können.

Wie sind Ihre Erfahrungen damit: Helfen Ihre Empfehlungen, und ist das Wissen darüber schon in der Bevölkerung angekommen?

Leider nein – und ehrlich gesagt: kein Wunder. Wir lernen ja in der Schule kaum etwas über Gehirngesundheit. Was mich auf Lesereisen und bei Vorträgen immer wieder überrascht (und auch ein bisschen beunruhigt): Wie wenig Menschen über ihr eigenes Gehirn wissen – obwohl sie es rund um die Uhr benutzen. Viele wissen zum Beispiel, dass Bewegung gut fürs Herz ist – aber was sie fürs Gehirn tut, wissen die wenigsten. Dasselbe gilt beispielsweise für Ernährung, Schlaf oder Bluthochdruck. Ich habe den Eindruck, dass unser Gehirn oft wie ein „separates Organ“ begriffen wird, dabei hängt es eng mit dem restlichen Körper zusammen. Und dazu kommt: Verlässliche, verständliche und alltagstaugliche Informationen zu finden, ist gar nicht so einfach – gerade im digitalen Zeitalter der Informationsflut, die niemand mehr überblickt. Genau da setzt mein Buch an: Es übersetzt Wissenschaft in konkrete, umsetzbare Alltagstipps.

Wenn Sie jemanden treffen, der besorgt ist, dass er demenzgefährdet ist, weil in der Familie Alzheimer oder andere neurodegenerative Erkrankungen aufgetreten sind, was empfehlen Sie dieser Person?

Die Sorge ist verständlich. Denn ja, Gene spielen eine Rolle, aber „echte", streng vererbbare Formen sind extrem selten. Meist ist Demenz ein Cocktail aus genetischer Veranlagung und Lebensstilfaktoren. Und das ist die gute Nachricht: Wir sind unseren Lebensstilentscheidungen ja nicht wahllos ausgeliefert.

Wo sind Ihrer Ansicht nach die effektivsten Stellschrauben, und halten Sie Gen-Tests für sinnvoll?

Die wichtigste Stellschraube ist immer die, die gerade vernachlässigt wird. Jedes Gehirn hat ein anderes Leben auf dem Buckel und befindet sich gerade in einer anderen Lebensphase. Vielleicht ernährt sich der Träger des Gehirns vorbildlich, liegt aber jede Nacht stundenlang wach? Vielleicht liest er viel, geht aber keine hundert Schritte pro Tag? Vielleicht hat er zwar ein aktives Sozialleben, aber einen unbehandelten Bluthochdruck? Das Gehirn – und damit unser Gedächtnis – besteht aus Zellen und diese Zellen nehmen durch unterschiedliche Dinge auf Dauer Schaden. Und weil wir alle ganz unterschiedliche Baustellen haben, gibt es nicht den einen Tipp, der für alle funktioniert, sondern immer nur individuelle Risikoprofile. Um aber noch alle Stellschrauben zu nennen, die wichtig sind: Neben den Klassikern Bewegung und Ernährung gehören u.a. auch Schlaf, Stressmanagement, Sozialleben, Humor, Trinkgewohnheiten, kognitive Reserve und eine moderate Nutzung von digitalen Medien zu den wichtigen Lebensstilfaktoren. Außerdem ist es zentral, Vorerkrankungen wie z.B. Diabetes, Depressionen oder Bluthochdruck einzustellen. Zu den Umweltfaktoren, die unser Gehirn beeinflussen gehören u.a. Feinstaubbelastung, chronische Lärmbelästigung und schadstoffhaltige Umgebungen, denen ich auf Dauer ausgesetzt bin.

Und jetzt zu Ihrem zweiten Halbsatz: Gentests sind nur sinnvoll bei Verdacht auf seltene, früh auftretende genetische Formen – und sollten immer mit humangenetischer Beratung erfolgen, wenn man diese Information z.B. für die weitere Lebensplanung haben möchte. Sonst bringen sie keinen praktischen Nutzen.

Ab welchem Alter sollte man sich mit dem Thema Prävention von Demenzerkrankungen auseinandersetzen?

Eigentlich ab dann, wenn man ein Gehirn hat. ☺ Schon Frühförderung im Kindesalter ist eine gute Demenzprävention, weil viel angelegt wird, was später von Nutzen sein kann. In der Jugend, als junge Erwachsene, als älterer Mensch – das Gehirn benutzen wir immer und sollten es so wie den Rest unseres Körpers auch immer pflegen. Leider interessieren uns langweilige und schwere Gesundheitsthemen ja immer erst dann, wenn wir oder Menschen in unserer Nähe betroffen sind. Aber Fakt ist: Es ist nie zu spät, mit Demenzprävention zu beginnen – und es ist auch nie zu früh.

Unsere Leser beschäftigt besonders die Rolle von Cholesterin und die Einnahme von Statinen. Vor allem Menschen mit leicht erhöhten LDL-Werten, die sich gesund ernähren und Sport machen, fragen, ob das Messen von LDL alleine schon die Verschreibung von Statinen rechtfertigt? Denn es ist bekannt, dass Cholesterin wichtig für das Gehirn ist. Sie stellen sich also die Frage, ob es vielleicht doch nicht so gut ist, den Cholesterinspiegel zu senken, wenn keine anderen Anzeichen von Atherosklerose vorliegen? Können Sie unseren Lesern da weiterhelfen?

Ein leicht erhöhter LDL-Wert allein reicht in der Regel nicht, um Statine zu verschreiben, da sollte die moderne Medizin eigentlich stets das kardiovaskuläre Gesamtrisiko betrachten. Denn ein leicht erhöhtes LDL bei einem pumperlgesunden und sportlichen Menschen ist anders einzuschätzen als ein erhöhtes LDL bei einem kettenrauchenden Diabetiker mit bereits vorhandenen Gefäßverkalkungen. In solchen Grenzfällen kann man oft zunächst den Lebensstil optimieren, den Verlauf beobachten und individuell entscheiden. Wichtiges Detail für die Leser*innen vielleicht noch: Jep, Cholesterin ist fürs Gehirn essenziell – aber das Cholesterin im Blut kommt nicht durch die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. Deswegen produziert es sein Cholesterin größtenteils selbst. Das bedeutet: Unser Oberstübchen ist in dieser Hinsicht also relativ unabhängig vom Blut-Cholesterin. Aktuell kann man auf jeden Fall festhalten, dass es keinen statistischen Zusammenhang zwischen Statineinnahme und einer Verschlechterung der kognitiven Leistung oder Demenz gibt. Im Gegenteil – indem sie Schlaganfälle verhindern, schützen sie indirekt auch das Gehirn.

Wie sehen Sie die Rolle von Hormonen? Es wird immer wieder davon gesprochen, dass ein Mangel an Hormonen zur Beeinträchtigung des Gehirns führen kann. Gibt es dazu schon wissenschaftliche Erkenntnisse?

Das ist aus der gendermedizinischen Perspektive eine sehr interessante Fragestellung. Welche Rolle spielt die Peri-, Prä- und Menopause bei Frauen, welche die Andropause bei Männern im Hinblick auf das Demenzrisiko? Hier wird viel geforscht, aber klare, allgemeine Empfehlungen gibt es bisher nur begrenzt. Stand heute gilt: Eine Hormonersatztherapie sollte nicht allein zur Demenzprävention eingesetzt werden. Wenn Beschwerden bestehen, ist eine individuelle Abwägung sinnvoll und wichtig – gerade Frauen sollten in dieser Phase gut begleitet werden. Für eine rein vorbeugende Einnahme von Hormonen ohne medizinische Indikation gibt es derzeit aber keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage.

Gibt es Nahrungsergänzungsmittel, die Sie speziell für das Gehirn empfehlen können?

Die wichtigste Botschaft zuerst: Ernährung, Bewegung, Schlaf und Nichtrauchen schlagen jedes Nahrungsergänzungsmittel. Und zwar weitaus. Außerdem ist zu sagen, dass die allermeisten Multivitaminpräparate, Detox-Produkte und Longevity-Supplements ohne gute Datenlage sind. Kreatin ist zwar eines der wenigen Nahrungsergänzungsmittel mit solider Datenlage – aber sinnvoll ist es vor allem für sportlich Aktive. Für Menschen ohne sportliche Ambitionen und nur im Hinblick auf Demenzprävention ist der Nutzen sehr begrenzt. Deswegen gilt: Erst Lebensstil optimieren, dann gegebenenfalls gezielt ergänzen. Neben Kreatin gibt es einige wenige weitere Präparate, die in bestimmten Situationen sinnvoll sein können: etwa Vitamin D bei nachgewiesenem Mangel, Vitamin B12 bei veganer Ernährung oder Omega-3-Fettsäuren bei sehr geringem Fischkonsum. Wichtig ist dabei immer: gezielt einsetzen statt nach dem Gießkannenprinzip einfach alles einwerfen. Das wissenschaftliche Fazit ist also: Eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und ein gesunder Lebensstil sind durch kein Nahrungsergänzungsmittel zu ersetzen. Egal was die Werbung verspricht.

Können Sie uns zum Abschluss noch Auskunft über neue Erkenntnisse oder Forschungsrichtungen im Hinblick auf die Erhaltung der Gehirngesundheit geben?

Die gute Nachricht: Gerade im Bereich Lebensstil wissen wir heute so viel wie nie zuvor. Bewegung, Stoffwechselgesundheit und Gefäßgesundheit sind zentrale Hebel – und sie wirken stärker, als bisher angenommen wurde. Auch Themen wie Entzündung, Darm-Hirn-Achse und personalisierte Prävention werden aktuell intensiv erforscht und da werden wir sicher in den kommenden Jahren spannende Ergebnisse bekommen.

Liebe Frau Dr. Plagg, herzlichen Dank für Ihre wertvollen Informationen. Wir freuen uns auf Ihren Vortrag bei Thalia am 10. Juni, wo Sie Ihr Buch „Smart bis zum Sarg“ vorstellen werden. Wir sind gespannt, welche weiteren Tipps Sie für uns haben und laden alle unsere Leser ein, teilzunehmen.

 

Triff die Autorin bei ihrem Vortrag "Smart bis zum Sarg" 

Barbara Plagg ist Wissenschaftlerin und Autorin. Sie forscht am Institut für Allgemeinmedizin und Public Health in Bozen. Außerdem lehrt sie Prävention und Gesundheitsförderung an der Freien Universität Bozen und schreibt in diversen Medien über gesundheits- und sozialpolitische Themen. Ihr Doktorat in Humanbiologie machte sie in der Alzheimerforschung an der medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Vortrag: Dr. Barbara Plagg
10. Juni, Beginn 18:30
Buchhandlung Thalia Wien-Mitte Landstraße
Hauptstraße 2a/2b
1030 Wien
Es ist keine Anmeldung erforderlich.
© Manuela Tessaro